Folge 8
Akte X: Bleibt der Finger dran?
Mit Univ.-Prof. Dr. Mag. Stefan Wöhrl
Akte X: Bleibt der Finger dran?
Bereiten Sie sich auf einen außergewöhnlichen Allergiefall vor! Lernen Sie Herrn H. kennen, einen Imker, der tief im Wald lebt, dessen Reise durch die Welt der Insektenallergien eine Reihe unerwarteter und dramatischer Wendungen nimmt, und nehmen Sie ganz nebenher interessante allergologische Informationen mit.
Anfänglich litt Herr H. nur unter ungewöhnlich großen lokalen Reaktionen (>10 cm, länger als 24 Stunden) auf Bienenstiche, was auf eine Bienengiftallergie (APM1 positiv) hindeutete, aber mit einem normalen Tryptase-Spiegel, was bedeutete, dass eine schwere Reaktion zu diesem Zeitpunkt als weniger wahrscheinlich gilt.
Sechs Jahre später, im Jahr 2020: Nach mehreren Bienenstichen erleidet Herr H. eine erschreckende, fast tödliche anaphylaktische Reaktion Grad 4, einschließlich Bewusstlosigkeit und Erbrechen. Was hat sich verändert? Seine Tryptase-Werte waren nun erhöht, was eine neu diagnostizierte indolente systemische Mastozytose offenbart – ein kritischer Ko-Faktor, der sein Risiko für schwere Anaphylaxie drastisch erhöht.
Dieses lebensbedrohliche Ereignis macht eine Bienengift-Immuntherapie (AIT) trotz seiner anfänglichen Zurückhaltung eindeutig notwendig. Die AIT wurde begonnen und zeigte den erwarteten Anstieg der spezifischen IgE- und blockierenden IgG4-Antikörper.
Aber die Geschichte war noch nicht zu Ende: Während er Holz hackt, wird Herr H. von mehreren Wespen gestochen. Obwohl er vorher nicht als wespenallergisch bekannt war, versuchte er, seinen verschriebenen Adrenalin-Autoinjektor zu benutzen. Dabei löst er den Pen versehentlich aus, wobei die Nadel durch seinen Handschuh und Fingernagel direkt in seinen Daumenknochen eindrang. Der Daumen ist anäm und weiss was zu einer Krankenhauseinweisung führt. Kann der Daumen gerettet werden?
Dieser bizarre Zwischenfall unterstreicht eine entscheidende Lektion: die absolute Notwendigkeit eines gründlichen, praktischen Trainings für Patienten zur korrekten Anwendung ihrer Adrenalin-Autoinjektoren.
Dieser komplexe Fall verdeutlicht sowohl die versteckten Gefahren von Grunderkrankungen wie Mastozytose als auch die entscheidende Bedeutung sicherzustellen, dass Patienten ihre Notfallmedikation selbstsicher einsetzen können.
Über meinen Gast
Univ.-Prof. Dr. Mag. Stefan Wöhrl
Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Spezialist für Allergologie
Dr. Wöhrl ist Leiter des Floridsdorfer Allergiezentrums und studierte zunächst Biologie (Genetik) in Salzburg und Wien sowie Medizin in Wien, mit einem Studienaufenthalt in Spanien. Von 2000 bis 2006 absolvierte er die Facharztausbildung für Dermatologie am AKH Wien und habilitierte 2007 zum Privatdozenten über die Diagnose allergischer Erkrankungen.
Von 2007 bis 2012 war er Oberarzt und Leiter der Allergieambulanz sowie assoziierter Professor (2010-2012) an der Universitätsklinik für Dermatologie, bevor er 2012 hauptberuflich ins Floridsdorfer Allergiezentrum wechselte, dessen Leitung er 2025 übernahm. 2024 wurde ihm der Titel Universitätsprofessor verliehen.
Er war vielfach in Funktionen tätig, darunter im Vorstand/Präsidium der ÖGDV (2007-2012, 2016-2024) als Schatzmeister sowie im Vorstand der ÖGAI (2008-2014). Er ist Fellow der AAAAI seit 2012, Faculty Member bei F1000 Prime seit 2008 und ordentliches Mitglied zahlreicher internationaler Fachgesellschaften (EAACI, EADV, AAAAI).
Mit über 300 Vorträgen, mehr als 100 wissenschaftlichen Publikationen und 9 Buchbeiträgen zählt er zu den führenden Allergologen Österreichs.
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